Carl Amery - der Stolz von der Au
(* 09.04.1922 bis † 24.05.2005)
Ein Porträt von Dr. Doris Rüb (August 2002)
Das ist er ganz mit Recht und ohne jede Ironie. Schließlich ist
er in der Au, gar nicht so weit weg vom Mariahilfplatz, geboren und heute lebt er wieder dort. Im Olymp hat er sicher in der deutschen Abteilung seinen Platz. Die bayrische (so es so etwas gibt) wäre zu eng. Wenn diese Abteilung aber wieder unterteilt ist, in Plätze für Dichter, Denker, "Aktivisten" ..., dann wird's schwierig. Wo soll man ihn nun hinsetzten?
Carl Amery paßt in keine Schublade. Selbst das Wapperl "Linkskatholik", das speziell für ihn geschaffen scheint, ist ihm lästig. Als Autor lässt er sich noch viel weniger einordnen. Kaum hat ihn jemand als Satiriker bezeichnet, legt er einen gesellschaftskritischen Essay vor und gleich darauf einen Science-fiktion-Roman. Um die Kritiker vollends zu verwirren, hat er auch noch seine weitreichende historische Bildung bewiesen und 1980 eine unkonventionelle Geschichte Bayerns geschrieben, eine ernste, manchmal bittere, aber immer unterhaltsame Abrechnung mit der Vergangenheit seines Stammes. "Leb wohl geliebtes Volk der Bayern" ist 1996 in einer aktualisierten Auflage im List-Verlag erschienen.
Dann hat er sich wieder der Zukunft zugewandt. 1998 erschien "Hitler als Vorläufer" und 2002, fast zeitgleich mit seinem 80. Geburtstag, "Global exit". In dem Hitlerbuch äußerst er seine Sorge, dass die Frage, ob es für alle reichen wird, wieder mit einem kategorischen Nein beantwortet wird. Hitler hatte aus diesem "Nein" die Konsequenz gezogen, "die anderen", also die Schwachen, die Juden, die Slawen und die Zigeuner, entweder um zu bringen oder zu versklaven. Amery fürchtet, dass es in Zukunft wieder zu ähnlich brutalen, wenn auch subtiler begründeten Lösungen kommen könnte. Der natürliche Gegner solcher Vorstellungen ist die jüdisch christliche Ethik. Damit befasst sich Amery in seinem neuesten Buch "global exit". Er beschreibt die Alternativlosigkeit des totalen Marktes als eine Situation wie vor dem Jahr 312, der konstantinischen Wende. Auch damals war die herrschende Macht, die das römische Kaisertum, religiös absolut tolerant, solange dem Kaiser das eine Körnchen Weihrauch dargebracht wurde, das ihm als Gott zustand. Heute verhält sich der totale Markt ähnlich, solange er sein "Körnchen Weihrauch" in Form von Konsum bekommt.
Diese Vielseitigkeit hat Amery wohl einen Teil der Berühmtheit gekostete, die ihm als Schriftsteller eigentlich zustehen würde. Die Fachleute wissen, was sie an ihm haben. Über Amery sind dicke Bücher verfasst worden, seine Romane sind Themen von Doktorarbeiten und "Der Untergang der Stadt Passau" ist das, was man früher einen Schulklassiker genannt hat. Im Verhältnis dazu sind die Auflagen klein, viel kleiner als sie es verdient hätten. Seine Bücher sind faszinierend. Amery ist nicht nur gebildet, er hat vor allem Humor und der taucht überall auf, mal saftig bayrisch, mal subtil versteckt und manchmal auch so, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.
Carl Amery war sein Leben lang politisch aktiv, zuerst, als es noch gefährlich war, in der Katholischen Jugend, nach dem Krieg in Bewegungen gegen die Wiederbewaffnung, gegen Atombomben und -reaktoren und in wichtigen Ehrenämtern, z.B. als Präsident des Deutschen PEN. Er ist gläubiger Katholik und hat gezeigt, wie man diesen Glauben leben kann, in Verantwortung für den Frieden, die Umwelt, die Schöpfung.
Mit Parteipolitik hat er allerdings nicht viel am Hut. Von 1967 - 1974 war er SPD-Mitglied, aber dann ist er wieder ausgetreten, weil er mit der Politik von Helmut Schmidt nicht einverstanden war. Die SPD hat ihm das aber nicht übel genommen und 1997 den Wilhelm-Högner-Preis verliehen.
Die E.F. Schumachergesellschaft für politische Ökologie verdankt ihm ihre Existenz: Im Sommer 1976, bei einem privaten Besuch in Südfrankreich, brütete Amery mit französischen Freunden die Idee für Ecoropa aus. Schon im folgenden Dezember wurde die Organisation in Paris gegründet. Als Sitz wählte man Genf, auch wegen des gesamteuropäischen Flairs. Die Gründung der Deutschen Sektion von Ecoropa ließ bis 1980 auf sich warten. Amery mußte erst seine Freunde zusammentrommeln, mit ihnen die Rechtsform, die genaue Aufgabenstellung der neuen Vereinigung diskutieren. Es war auch eine Stiftung im Gespräch, die anderweitige ökologische Bestrebungen unterstützen sollte. Schließlich wurde 1980 die E.F.-Schumacher-Gesellschaft für politische Ökologie in ihrer heutigen Form gegründet. 15 Jahre lang war Carl Amery ihr Präsident, neben seiner normalen Arbeit und all den Ehrenämtern, die er in dieser Zeit ausübte.
1995 trat er aus Alters- und Gesundheitsgründen zurück. Aber schon zur Begrüßung des neuen Vorstands schrieb er in der Vereinszeitschrift, dem "Energiebündel": "Nach fünfzehn Jahren der Präsidentschaft habe ich mich sozusagen in den Ruhestand verabschiedet, was nicht Untätigkeit bedeuten soll." Diese Ankündigung hat er mit dem ihm eigenen Temperament wahrgemacht.
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Noch im März 2005 stellte er sein jüngstes Werk "Briefe an den Reichtum" vor. Am 30.05.2005 erreichte uns dann die traurige Nachricht, dass Carl Amery am 24. Mai 2005 im Alter von 83 Jahren in einer Münchner Klinik starb.
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Kurzbiografie:
Carl Amery (eigentlich Christian Anton Mayer), geboren 1922, war Mitglied der Gruppe 47, von 1976/1977 Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller, 1980-1995 Präsident der E.F.-Schumacher-Gesellschaft für politische Ökologie, 1988-1991 Präsident des deutschen PEN-Zentrums, dem er seit 1967 angehört.
Auszeichnungen:
1958 Förderpreis der Stadt München, 1972 Ludwig-Thoma-Medaille, 1975 Ernst-Hoferichter-Preis, 1979 Tukan-Preis, 1984 Bayerischer Friedenspreis, 1985 Kurd-Laßwitz-Preis, 1987 Bundesverdienstkreuz, 1988 Naturschutzpreis, 1991 Literaturpreis der Stadt München, 1991 Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar, 1997 Wilhelm-Hoegner-Preis
Buchtips:
Carl Amery - Leb wohl geliebtes Volk der Bayern - Aktualisierte Sonderausgabe List Verlag München, Leipzig
Carl Amery - Hitler als Vorläufer, Ausschwitz- der Beginn des 21 Jahrhunderts, Luchterhand Verlag, ISBN 3-630-87998-5/ 1998
Carl Amery - Global Exit - Die Kirchen und der totale Markt, Luchterhand Verlag









