Julius Karr-Bertoli - Der Münchner Musikbotschafter
Aus der AZ-Serie "Münchner Köpfe" von Barbara Sorg
(Ausgabe 19.12.2002)
Professor Dr. h. c. Julius Karr-Bertoli - ein Dirigent am Pult der Zeit
Musik, das ist sein Leben. Seine Passion. Seine Bestimmung. Er gilt als Münchens unermüdlicher Musikbotschafter. Dafür wurde Julius Karr-Bertoli dieses Jahr sogar ein internationaler Verdienstorden verliehen. Kaum ein bayerischer Dirigent dürfte so viel gereist sein wie er. In 50 Ländern hat er Musik gemacht. Von Russland über Polen, Ukraine, USA, Taiwan, China bis nach Italien und Mazedonien.
Selbst mit seinen 82 Jahren ist er noch auf Reisen. Doch immer wieder kommt er gerne nach Hause. In seine geräumige Drei-Zimmer-Dachgeschosswohnung in der Au. Seit 26 Jahren wohnt er dort mit seiner Frau Charlotte. Auch sie reist gerne: "Nur das Einpacken hasse ich." Von der scharfen Schokoladensoße in Mexiko schwärmt der Meastro. An die saure Kamelmilch, das Nationalgericht in Kasachstan, denkt er weniger gerne zurück.
"In verschiedenen Ländern wird mir versichert, dass ich der wichtigste deutsche Kulturbotschafter bin - sonst würde ich die Reisen in meinem Alter nicht mehr machen", sagt Karr-Bertoli: "Ich will noch weiter am Pult bleiben. Meine wichtigste Aufgabe ist es, mein Wissen und meine Erfahrungen an die Jeunesse Musicale der Welt weiter zu geben." Karr-Bertoli hat viel gesehen in seinem Leben. "Aber meine große Liebe gehört Italien. Es ist meine musikalische Heimat."
Geboren ist der durchtrainierte Maestro in München. Sein Dirigenten-Debüt hatte er 1939 am Prinzregententheater mit der Musik zu "Peer Gynt" von Edvard Grieg. Dies war noch vor dem offiziellen Abschluss seines Kapellmeisterstudiums an der Akademie der Tonkunst im Münchner Odeon, wo er von 1934 bis 1940 studierte. 1942 wurde er Opernkapellmeister in Dortmund. Nach dem Tod seiner ersten Frau, die bei einem Bombenangriff ums Leben kam, zieht es ihn wieder nach München. 1949 heiratet Karr-Bertoli zum zweiten Mal, 1950 kommt die Tochter Julia zur Welt. Seine dritte Frau Charlotte, eine Konzertsängerin, heiratet er 1957. Als freier Mitarbeiter arbeitet er von 1945 bis 1960 beim Bayerischen Rundfunk. Ab 1959 dirigiert er vorwiegend im Ausland. Absoluter Höhepunkt im Leben Karr-Bertolis sind die Konzerte mit der Leningrader Philharmonie während einer großen Tournee durch die Sowjetunion, mit berühmten Solisten wie Milstein, Wilkomirska und Krainjew. Der sowjetische Komponist Dmitrij Schostakowitsch nannte Karr-Bertoli seinen "authentischen Interpreten". 1957 dirigierte der Meastro die deutsche Erstaufführung der achten Sinfonie von Schostakowitsch in München. Seinen geistigen Lehrer hat Karr-Bertoli in Wilhelm Furtwängler gefunden: "Für mich ist er der bedeutenste Dirigent des vergangenen Jahrhunderts. Ich setze mich für seine herrliche zweite Symphonie ein."
Von 1966 bis 1971 wirkt der Meastro als erster westdeutscher Gastdirigent in Rumänien. 1985 verleiht ihm Münchens Oberbürgermeister Georg Kronawitter die Medaille "München leuchtet". 1990 bekommt Karr-Bertoli für sein Werk das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Aufgrund seiner pädagogischen Erfolge wird Karr-Bertoli in Kirgisien der Titel eines Ehrenprofessors verliehen. Die in England beheimatete "International Society African to American Music" wählte ihn zu ihrem Europäischen Musikdirektor. Damit verbunden sind zahlreiche Konzerte in den USA.
Disziplin. Das ist das A und O für den 82-jährigen. Drei bis vier Stunden sitzt er täglich an seinem Flügel, richtet sich die Partituren zurecht, markiert die Instrumente mit verschiedenen Farben.
Seinen Tag hat er komplett durchorganisiert. "Als Dirigent muss ich Kondition behalten." Um 7 Uhr klingelt der Wecker. Aufstehen und erst mal eine halbe Stunde auf dem Heimfahrrad strampeln. Sechs Kilometer mit Belastung, nebenbei Zeitung lesen. "Wenn keine Zeitung erscheint, jogge ich die Isar aufwärts, Richtung Harlaching."
Seit 60 Jahren ist Karr-Bertoli Mitglied bei der Sektion München des Deutschen Alpenvereins. Noch heute wandert er mit seiner Frau ab und zu in den Bergen. Nur mit dem Skifahren hat er aufgehört, nachdem er 1978 bei einer Tour in Tirol fast tödlich abgestürzt ist.
Wenn Julius Karr-Bertoli etwas anpackt, dann richtig: Er ist Mitglied der Deutschen Karl May-Gesellschaft, Ehrenmitglied im Förderverein für Bayerische Sprache und Dialekte und Ehrenmitglied des Münchner Zentrums der russischen Kultur "MIR".
Münchens Musikbotschafter genießt es, als Ehrengast im Hotel Bayerischer Hof Swimmingpool und Sauna zu benützen: "Der Blick, den man von dort aus auf die Dächer Münchens hat, ist einfach überwältigend."
Fürs Kochen ist in der Regel Ehefrau Charlotte zuständig. Nur seine Lieblingsspeise, die bayerischen Mehlknödel mit zerlassener Butter und Röstzwiebeln, macht er selbst. Was das Kulturgut betrifft, so ist der Dirigent übrigens auch beim Essen aufgeschlossen: Stäbchen zieht er dem üblichen Besteck entschieden vor. Sogar das Sauerkraut dirigiert er in den Mund. Wenn das nicht musikalisch ist ...
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Literaturhinweis:
Das Porträt stammt aus der AZ-Serie "Münchner Köpfe" (Folge 66 vom 19.12.2002).
Verfasserin: Barbara Sorg
Foto: Astrid Schmidhuber










